Warum „cooles Christentum“ noch nie eine gute Idee war

Eine Replik auf Relevanz als Grundkategorie der Gemeindearbeit

Artikel von Brett McCracken
11. November 2020 — 11 Min Lesedauer

Anfang des 21. Jahrhunderts war „Relevanz“ zum wichtigsten Schlagwort der westlichen evangelikalen Christenheit geworden. Pastoren, Gemeindeleiter und andere christliche Schlüsselpersonen empfanden eine neue Dringlichkeit, das Evangelium für die nächste Generation ansprechender zu gestalten – immerhin zeigten Umfragen, dass sich junge Leute in nennenswerter Zahl vom Glauben abwandten. Also versuchte man, dem Glauben ein neues Image zu verpassen. Das war die Zeit, in der das Magazin Relevant [in den USA] ins Leben gerufen wurde, Donald Millers Buch Blue like Jazz erschien und Rob Bell zu einer Art evangelikalem Steve Jobs aufstieg. Karos, Röhrenjeans, Bart und Tattoos wurden zur inoffiziellen Standarduniform eines Pastors. Es ging darum, den Glauben neu zu vermarkten, einen weniger gesetzlichen, dafür kultur-freundlicheren, „emergenten“ Glauben zu propagieren, der anders war als die angestaubte Religion unserer Großeltern.

In meinem vor zehn Jahren erschienenen Buch Hipster Christianity: When Church and Cool Collide habe ich diese problematische Zeit mit großer Genauigkeit nachgezeichnet. In vieler Hinsicht ist dieses Buch inzwischen nur noch ein nostalgisches Relikt – ein Zeitzeuge eines bestimmten Segments des Evangelikalismus an der Schwelle zum neuen Jahrtausend. Doch die Tatsache, dass es sich um ein Buch mit Ablaufdatum handelt, bestätigt den springenden Punkt, auf den ich damals hinwies: dass „cooles Christsein“ – wenn kein Oxymoron – zumindest vergebliche Mühe ist. Ein auf Relevanz ausgerichtetes Christentum sät selbst den Samen dafür, eines Tages überholt zu sein. Statt das Christentum zu retten oder wiederzubeleben, wird es durch Hipster-Glauben auf die Ebene eines Konsumguts reduziert – ebenso schnelllebig und vergänglich wie die Mode der neuesten Laufsteg-Kollektion. Wenn man die Relevanz des Christentums an seiner Fähigkeit festmacht, die Gunst der „Coolen“ zu erlangen – die doch nur die derzeitigen sind in einer langen Geschichte der evangelikalen Vorliebe für Prestige –, dann führt das ernsthaft in die Irre.

Einige der Gründe dafür sind:

Der „Relevanz“ hinterherzulaufen laugt aus und hat keinen bleibenden Effekt.

Wie ich schon damals im Schlusskapitel geschrieben habe, ist es problematisch, wenn man meint, echte Relevanz bedeute, ständig jeden Trend mitzumachen und „der Kultur dort zu begegnen, wo sie steht“:

„Dieser Ansatz geht davon aus, dass uns niemand zuhören wird, wenn wir nicht laut und auffallend sind; dass uns niemand ernst nehmen wird, solange wir nicht in der Kultur sattelfest sind; und dass sich keiner für Jesus interessieren wird, wenn man ihn nicht an die Besonderheiten des Zeitgeistes anpasst. Aber diese Art von ‚Relevanz‘ definiert sich vor allem und unvermeidlich durch ein Merkmal, das durch das Christentum grundlegend überwunden wird: Vergänglichkeit. Unvergängliche Dinge sind nicht flatterhaft oder schnelllebig oder der Mode unterworfen. Sie sind stabil. … Wahre Relevanz bleibt bestehen.“

Ich habe schon damals argumentiert, dass „cool“ zwangläufig Unbeständigkeit beinhaltet. Daher ist ein „cooles Christentum“ per Definition nicht möglich. Wer heute ein angesagter Pastor ist, wer es als solcher vielleicht sogar bis auf die Titelseite einer Zeitschrift geschafft hat, gehört morgen schon zum alten Eisen. Die aktive, schnellwachsende „In“-Gemeinde – heute gefragter Treffpunkt für junge Erwachsene – ist im nächsten Jahr die reizlose „Da bin ich auch mal hingegangen“-Gemeinde. Dem System des Hipster-Christentums steckt (wie allem Hipster-was-auch-immer) ein nahezu sofortiges Veralten in den Genen. Bezeichnenderweise sind die meisten der hippen christlichen Leitfiguren, die ich damals in dem Buch porträtiert habe, inzwischen vom Radar des evangelikalen Einflusses verschwunden. Donald Miller arbeitet heute als Vertriebsberater. Die Mega-Church von Mark Driscoll in Seattle hat sich aufgelöst. Rob Bell ist ein New-Age-Guru, der von Oprah und Elizabeth Gilbert empfohlen wird. Und so weiter. Dass derart viele jener Namen und Trends, auf die in Hipster Christianity verwiesen wurde, heute – nur 10 Jahre später – nahezu vergessen sind (und inzwischen durch eine ganze Reihe neuer Persönlichkeiten und Trends ersetzt werden), bestätigt die Aussage des Buches.

Ich kenne einige wenige Leute, die fast während des ganzen letzten Jahrzehnts in einer solch angesagten Gemeinde geblieben sind. Aber sehr viele mehr sind inzwischen in eine andere (gewöhnlich eher liturgisch ausgerichtete und erfrischend langweilige) Gemeinde gewechselt. Wieder andere haben das Christentum komplett verlassen. Es hat sich gezeigt, dass eine Gemeinde, die deinem 23jährigen Ich supercool erschien, für dein 33jähriges berufstätiges Ich mit Kindern nicht unbedingt attraktiv ist. Es zeigt sich, dass eine Gemeinde, in der über „Gott in Kinofilmen“ gepredigt wird statt über die Lehre von der Versöhnung, dir auf lange Sicht keinen guten Dienst erweist. Es zeigt sich, dass ein Pastor, mit dem du trinken, rauchen und Breaking Bad ansehen kannst, nicht ebenso bedeutsam ist wie ein Pastor, dessen uncoole Heiligkeit dich herausfordern könnte (immerhin könnte), selbst in der Christusähnlichkeit zu wachsen.

David Wells hat Recht, wenn er in The Courage to Be Protestant schreibt:

„[Die] Marketing-Gemeinde hat durchgerechnet, dass sie, falls sie nicht tiefgreifende, ernsthafte kulturelle Anpassungen vornimmt, ein Debakel erleben wird, besonders unter den jüngeren Generationen. Was sie aber nicht gründlich genug bedacht hat, ist, dass sie sich so möglicherweise in ein Debakel mit Gott manövriert. Und die weitere Ironie besteht darin, dass die jüngeren Generationen gar nicht so sehr beeindruckt sind von aller-allerneuester Technologie, dass sie eingängige Glitzer-Welten häufig durchschauen und dass sie schon oft genug die Zielscheibe von Marketing-Strategien waren, um davon abgestoßen zu sein. Entsprechend ist es ebenso wahrscheinlich, dass sie diese ach so relevanten Gemeinden verlassen wie dass sie dazukommen.“

Es ist sinnlose Mühe, wenn Pastoren und Gemeinden dem Ziel hinterherjagen, cool zu sein. Man investiert dabei Energie in Anliegen, die nur scheitern können – denn zum einen ist die Sache äußerst anstrengend (wer kann schon mit dem Tempo der Trends Schritt halten?), und zum anderen zieht es die Energie von den wichtigeren Aufgaben (die aber weniger sexy sind) ab, nämlich gesunde Lehre weiterzugeben und Menschen zu wahren Nachfolgern Jesu zu machen.

Die Kultur, die wir erreichen wollen, verändert am Ende oft uns selbst.

Eine Überbetonung von kultureller Akzeptanz – unabhängig davon, in welcher Kultur man auch sein mag – führt unweigerlich zu theologischen Kompromissen. An diesem Punkt schaufelt sich die pragmatische Image-Versessenheit der Evangelikalen ihr eigenes Grab. Besucherfreundlichkeit bedeutet fast immer, dass schwierige Lehren aufgeweicht oder gleich ganz ignoriert werden. Wenn man predigt, um Applaus, Klicks und die Anerkennung einer bestimmten Menschengruppe zu bekommen, dann führt das so gut wie immer zu theologischen Verzerrungen. „Es ist Zeit, das Christentum in das 21. Jahrhundert zu transportieren“, ist gewöhnlich eine Umschreibung für „Lasst uns doch damit aufhören, auf Themen wie Sex, Fluchen, Heiligkeit, Unfehlbarkeit und all dem anderen unbeliebten fundamentalistischen Kram herumzureiten!“ Bemühungen, das Christentum mit der Politik irgendeiner Zuhörerschaft, die man gerade beeindrucken will, in Einklang zu bringen (was im gesamten politischen Spektrum vorkommt), führen schließlich dazu, dass die Politik den Glauben prägt, und nicht der Glaube die Politik.

„Wenn man predigt, um Applaus, Klicks und die Anerkennung einer bestimmten Menschengruppe zu bekommen, dann führt das so gut wie immer zu theologischen Verzerrungen.“
 

In dem Jahrzehnt seit Hipster Christianity ist mir ein Muster aufgefallen: Ein theologisch konservativer Bibelseminar-Absolvent Mitte Zwanzig ist fasziniert von der Idee, eine Gemeinde in einem post-christlichen Umfeld zu gründen, das bekannt ist für seinen Killer-Kaffee (sei es in Portland, Brooklyn oder San Francisco). Er zieht dorthin und startet eine Gemeindegründung mit der guten Absicht, eine hochgradig säkulare Kultur für Jesus zu transformieren. Doch stattdessen transformiert mit der Zeit die hochgradig säkulare Kultur ihn. Zunächst aus missionarischen Gründen taucht er in die freizügige Moral, Gleichheitspolitik und die Craft Beer-Szene der aufstrebenden Stadtviertel ein – die ihn nach ihrem Bild umgestalten. Nicht er verändert die Kultur, sondern er wird durch sie verändert. Der anfänglich ernsthafte Versuch eines „relevanten Christentums“ weicht dem Zynismus, einem kompromittierten Zeugnis und mündet möglicherweise sogar in die Abkehr vom Glauben. Mark Sayers beleuchtet diese Dynamik in seinem 2016 erschienenen Buch Disappearing Church sehr aufschlussreich. Hier liegt ein wichtiger Grund, warum es das Hipster-Christentum nicht geschafft hat, die ins Stocken geratene evangelikale Bewegung neu zu beleben.

Natürlich ist es notwendig, sich mit der Kultur auseinanderzusetzen: sie zu verstehen, zu analysieren, bestimmte Aspekte zu würdigen. Aber wir sollten im Hinblick auf die Risiken nicht naiv sein (ich spreche da aus viel Erfahrung). Die prägende Kraft unserer zunehmend post-christlichen, digital vernetzten Welt darf man keinesfalls unterschätzen.

Wir sind Erben des Christentums, nicht seine Erfinder.

Letztendlich rührt die Versessenheit der Evangelikalen auf Relevanz (und das „Hipster-Christentum“ ist nur eine Ausprägung davon) von einer ihrer größten Schwachstellen her: der geschichtsvergessenen Fixierung auf das Heute. Ein durchschnittlicher Evangelikaler hat herzlich wenig Ahnung von Kirchengeschichte und gemeindlichen Traditionen (wie sollte auch ein Typ wie Augustinus – seit Urzeiten tot und begraben – für die absolut einzigartigen Bedürfnisse der Millennials relevant sein?!). Aber solche Unwissenheit in Bezug auf die Vergangenheit macht Evangelikale anfällig für alle Arten von theologischer und gemeindlicher Verwirrung. Statt an Kontinuität mit der Vergangenheit – nämlich auf die Grundlagen der Kirchengeschichte zu bauen und freudige Haushalter der überlieferten Lehre und Praxis zu sein – sind viele weitaus mehr an kontinuierlicher Neuerfindung interessiert. Man geht davon aus, dass jede Generation ihren eigenen, unverbrauchten Ansatz finden muss, wie sie Gemeinde lebt.

„Die Versessenheit der Evangelikalen auf Relevanz rührt von einer ihrer größten Schwachstellen her: der geschichtsvergessenen Fixierung auf das Heute.“
 

Sicherlich ist Kontextualisierung wichtig, und Anpassung an die heutigen Gegebenheiten ist in einem gewissen Umfang notwendig. Sicherlich ist nicht alles, was uns von früheren Generationen überliefert worden ist, wert, dass man es bewahrt. Aber säkulare Beobachter werden zu Recht misstrauisch, wenn sie die große Anzahl an Gemeinden registrieren, die sich selbst als neu, anders und unkonventionell präsentieren („Wir treffen uns in einem ehemaligen J.C. Penney-Store!“ „Unsere Worship-Band klingt wie eine Mischung aus Pink Floyd und Sigur Rós!“ „Wir sind charismatische Calvinisten mit eigener Kaffeerösterei!“). Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Gemeinden auch nur Konsumgüter sind, die versuchen, sich durch Alleinstellungsmerkmale auf einem umkämpften Markt zu platzieren – mit Verkaufsstrategien und Werbegags, um spirituelle Erfahrungen an den Mann zu bringen.

Und genau das kommuniziert eine Trend-Gemeinde unweigerlich: dass es einfach um eine weitere Sache geht, die man dir verkaufen will. Aber das ist aus vielen Gründen problematisch, wie ich schon in Hipster Christianity schrieb:

„Wenn ich mich vor allem deshalb für das Christentum entscheide, weil es gekonnt vermarktet wird – so, wie ich mich vielleicht auch für ein iPhone entscheide –, dann lässt sich nur schwer vorhersagen, ob ich dieser ‚Marke‘ treu bleiben werde. Es war ja nicht die Sache an sich, die mich gereizt hat, sondern letztendlich – das ansprechende Marketing, das ohne weiteres in der Zukunft von Mitbewerbern überboten werden kann. Wenn man also versucht, das Evangelium als cool zu verkaufen, dann ist das ein gefährliches Unterfangen. Denn so bestimmt man die Attraktivität des Evangeliums anhand der externen Definition, was gut verkäuflich und cool ist und die Menschen ansprechen wird. Aber das hat nur sehr wenig mit dem tatsächlichen Inhalt der Botschaft zu tun. Wer sich zu diesem Evangelium bekehrt, wird aller Voraussicht nach wie der Samen auf dem felsigen Boden in Matthäus 13 sein – ohne Wurzeln.“

Es funktioniert einfach nicht, „cooles Christentum“ zu verkaufen.

Pastoren und Gemeindeleiter können heutzutage versucht sein, zu verzweifeln und dann ihre Zuflucht zu ausgefallenen Neuerungen und Werbegags zu nehmen, um die Aufmerksamkeit der Leute zu gewinnen und sie in ihre Kirchenbänke zu bringen. Aber man darf nicht vergessen: Wenn der Glaube, mit dem wir Menschen anziehen, nicht genau den Glauben widerspiegelt, den uns Jesus gegeben hat – wenn beispielsweise unsere attraktive Gemeinde die Kosten der Jüngerschaft herunterspielt (Lk 14,25–33) –, dann wird das kein tragfähiger oder verändernder Glaube sein.

All die coolen Gemeinden, durchgestylten Pastoren und eingängigen „neuen Wege des Christseins“, die in den letzten zwei Jahrzehnten ins Rennen geschickt wurden, haben den Abwärtstrend des Christentums in Amerika nicht umgekehrt. Die „Christsein 2.0“-Strategie eines neu erfundenen, „relevanten“ Glaubens hat nicht funktioniert. Vielleicht benötigen wir in Wirklichkeit eine „Christsein 1.0“-Strategie, die uns zurück zu den Grundlagen bringt.

Besser als die bittere Verzweiflung eines „coolen Christentums“ ist das stille Vertrauen des gläubigen Christentums. Überzeugender als irgendwelche prominenten Pastoren und ein auf Kundenwünsche abgestimmter Auftritt ist eine Gemeinde, die beständig und hingegeben mit der Hand am Pflug präsent ist. Sie wird bleibende Veränderung im Leben von Einzelnen und in Gemeinwesen bewirken. Wenn es irgendetwas gibt, das mir in dem Jahrzehnt, seit ich Hipster Christianity geschrieben habe, bewusst geworden ist, dann dies: Ein ererbter Glaube ist vertrauenswürdiger und besitzt mehr Kraft zur Veränderung als ein generalüberholter Glaube.