Von der Abtötung der Sünde

Rezension von Sebastian Götz
6. März 2021 — 7 Min Lesedauer

Wie werde ich die Sünde los? Jeder aufrichtige Christ wird sich diese Frage von Zeit zu Zeit stellen. Der eine geht mit eiserner Disziplin gegen einzelne Sünden vor und schafft es vielleicht, die eine oder andere Sünde unter dem Deckel zu halten. Falls es gelingt, steht aber oft schon die nächste Sünde vor der Tür, im Zweifel der Stolz über das Erreichte. Ein anderer gibt möglicherweise frustriert auf, weil er denkt, dass er keine Chance hat, siegreich zu sein. Er hofft, dass Gott ihm irgendwie gnädig sein wird. Trotzdem schlägt ihn die Sünde immer wieder zu Boden. J.I. Packer beschreibt im Vorwort des hier besprochenen Buches, welche „Kampfmethode“ er selbst als junger Christ kennengelernt hat. Er dachte, er müsse einfach alles loslassen und es dem Christus in ihm überlassen, zu kämpfen. Zu dieser Zeit wusste er allerdings noch nicht, dass ein bekannter Pastor, der diese Strategie lebte und lehrte, sich völlig verausgabt und einen vollständigen Nervenzusammenbruch erlebt hatte.

Gibt es  noch einen anderen Weg, mit der Sünde umzugehen? Hilft nur eiserne Selbstdisziplin, Frustration oder das höhere, geistliche Leben? Der englische Puritaner John Owen beschreibt, wie Nachfolger von Jesus Christus Sünde Stück für Stück abtöten können. Sein Buch Von der Abtötung der Sünde ist eigentlich eine ausgearbeitete Zusammenstellung von seelsorgerlichen Predigten zu Römer 8,13. Dort steht: „Wenn ihr aber durch den Geist die Taten des Leibes tötet, so werdet ihr leben“. Die Predigten wurden ursprünglich in Oxford gehalten und erstmalig 1656 veröffentlicht. Obwohl das Buch nicht einfach zu lesen ist, wurde das Werk sehr bekannt. J.I. Packer, der die oben beschriebenen Verirrungen am eigenen Leib erfahren hat, bekennt sogar: Owen „half mir, mich als Christ selbst zu verstehen und vor Gott demütig und aufrichtig zu leben, ohne vorzutäuschen, entweder jemand zu sein der ich nicht bin, oder nicht zu sein, was ich bin“ (S. 16).

Die Abtötung

Owen beschreibt zunächst das Grundprinzip der Abtötung. Wir werden allein aus Gnade wiedergeboren. Aber für den Christen gilt der klare Auftrag, die Sünde abzutöten, wie es Paulus unter anderem in Kolosser 3,5 fordert. Dieses Abtöten kann nur durch den Geist Gottes geschehen. Wenn wir uns einfach treiben lassen und den Kampf in der Kraft des Geistes nicht aufnehmen, werden wir das Leben, welches Gott für uns vorsieht, nicht führen.

„Owen erwartet, dass es keinen Tag im christlichen Leben gibt, wo wir nicht mit Sünde zu kämpfen haben.“
 

Drei große Schritte sieht Owen bei der Abtötung der Sünde. Wenn er schreibt, dass zunächst eine Wurzelbehandlung erfolgen muss, meint er damit, dass wir dort anzusetzen haben, wo die Begierde sitzt. Wo fängt sie an, unser Herz zur Sünde zu verführen? Zweitens ist wichtig, dass der Kampf gegen die Sünde dauerhaft stattfindet. Owen erwartet, dass es keinen Tag im christlichen Leben gibt, wo wir nicht mit der Sünde zu kämpfen haben. Der Kampf wird erst aufhören, wenn wir von unserem „Fleisch“ befreit sind und einen unvergänglichen Leib erhalten. Drittens weckt er endlich die Hoffnung, dass die andauernde Abtötung zu einer allmählichen Gewohnheit wird.

Wie sieht der Kampf konkret aus?

Bevor Owen den Kampf detailliert beschreibt, hebt er zwei Dinge hervor: Zum einen liegt die „Abtötung“ für Menschen, die nicht wiedergeboren sind, außerhalb des Möglichen. Wer sich um die Abtötung der Sünde bemüht, „ohne zuerst Anteil an Christus erlangt zu haben“ macht es nur noch schlimmer. Wer so vorgeht, wird getäuscht, verhärtet und ruiniert sich selbst (vgl. S. 73–81). Zum anderen stellt er heraus, dass ein Abtöten immer auf alle Begierden zielt. Gott will, dass unser alter Mensch getötet wird, nicht nur einzelne Symptome bekämpft werden (vgl. S. 87–91).

Ab Kapitel 9 folgen neun Anweisungen zur Abtötung der Sünde. Als erstes fordert er den Leser dazu auf, über die Sünde selbst nachzudenken. Was kennzeichnet sie? Was ist ihr Wesen? Darauf aufbauend soll ein klares Bewusstsein für die Begierde entwickelt werden. Welche Gefahren bringt sie mit sich? Weitere Anweisungen folgen. Wir werden aufgefordert, unser Gewissen mit der Schuld zu konfrontieren, die Begierde im Licht des Evangeliums zu betrachten und eine starke Sehnsucht nach Befreiung zu kultivieren. Weiter fordert er etwa, sich vor den vermeintlichen Vorteilen der Begierde zu schützen und bereits erste Anzeichen entschieden zu bekämpfen. Zum Abschluss warnt er eindringlich davor, sich selbst vorschnell Gottes Frieden zuzusprechen und damit das Gewissen zu beschwichtigen. Gott sei derjenige, der uns den Frieden schenke und es läge allein an seiner Souveränität, wann er das mache.

Der größte Teil des Buches zielt darauf ab, das eigene Herz im Lichte Gottes zu durchleuchten und zu begreifen, welche Macht die Sünde hat. Nur im letzten Kapitel gibt Owen den Blick auf Christus am Kreuz vollends frei. Sein Blut ist laut Owen der vollkommene Trost und die wirksamste Hilfe für die Seele, welche an der Sünde erkrankt ist. Durch Glauben sollen wir auf die Hilfe Christi warten, welche zur rechten Zeit eintreffe.

Kein Ratgeberbuch

Wer viele schnelle Praxistipps erwartet, wie sie aktuelle Ratgeber meist liefern, wird enttäuscht werden. Owens möchte die Wurzel des Problems offenlegen. Er sieht sogar eine große Gefahr darin, allein die Symptome abzutöten. Aber gerade aus diesem Grund ist das Buch aus dem 17. Jahrhundert heute noch lesenswert. Wir lernen von Owen, was Sünde ist und auslöst sowie, was sie zerstört und warum es so wichtig ist, gegen sie anzukämpfen. Menschen, die dauerhaft keinen Sieg über die Sünde erleben, fordert Owen übrigens dazu auf, ganz im Sinne von Paulus (vgl. 2Kor 13,5) ihren Glauben zu prüfen.

„Alle Christen zu jeder Zeit sollten sich dazu herausfordern lassen, tief betrübt über ihre Sünde zu sein, um von dieser Betrübnis aus ihren Blick auf Gottes Gnade zu lenken.“
 

Owen zeigt uns auch, dass wir den Kampf nicht aus eigener Kraft gewinnen können. Nicht unsere Disziplin oder moderne Hilfsmittel entscheiden. Von Belang ist, dass wir auf die lebensverändernde Kraft Gottes setzen. Besonders im letzten Kapitel zeigt er das eindringlich auf. Nur wer auf Jesu Hilfe setzt und ihm vertraut, kann diesen Kampf kämpfen. Nur bei ihm finden wir schließlich auch Frieden und Trost. Alle Christen zu jeder Zeit sollten sich dazu herausfordern lassen, tief betrübt über ihre Sünde zu sein, um von dieser Betrübnis aus ihren Blick auf Gottes Gnade zu lenken. Dort, bei Christus, ist Vergebung und Sieg über die Sünde zu finden.

Der letzte Punkt scheint mir allerdings eine kleine Schwachstelle des Buches zu sein. Owen verwendet viel Zeit darauf, den Leser von seiner Sünde zu überzeugen. Dies ist wichtig und wird heute oft vergessen. Doch dass Gott vergibt und den Sünder wiederherstellt, könnte mehr Beachtung finden. Gerade zweifelnde Menschen mit einem feinen Gewissen brauchen den klaren Blick auf die Vergebung, welche das Erlösungswerk Christi schafft. Ebenso fehlt für den einen oder anderen Leser wahrscheinlich der deutliche Hinweis auf Jesu Verheißungen, seine Schafe zu bewahren.

Sprachlich stammt das Buch aus einer anderen Zeit. Manche Absätze musste ich mehrmals lesen, um sie zu verstehen. Packer behauptet in seinem Vorwort zurecht, dass „nur durch wiederholtes Lesen“ die „durchdringende Kraft und Salbung“ dieses Traktats empfunden werden kann (S. 15).

Für all jene, die das auf sich nehmen, hält Owen jedoch einen Schatz bereit. Ich empfehle das Buch sehr gern. Es fordert uns heraus, den Kampf gegen die Sünde ernst- und aufzunehmen. Bleiben wir nicht bei den Symptomen stehen! Geben wir uns mit praktischen Tipps nicht zufrieden! Geben wir den Kampf nicht frustriert auf! Wenn wir verstehen, was Sünde wirklich ist und sie mit der Kraft, die Gottes Geist uns schenkt, beflissen abtöten, erleben wir Sieg. Lass dich durch das Buch herausfordern!

Buch

John Owen, Von der Abtötung der Sünde, Waldems: 3L 2017, 176 S., 12,50€.