Christusnachfolge und der Heilige Geist

Artikel von Johannes Damaschke und Ryan Hoselton
17. März 2023 — 12 Min Lesedauer
Der vorliegende Artikel geht auf ein Seminar zurück, das Ryan Hoselton auf der E21-Konferenz 2022 in Hamburg hielt. Die Aufnahme kann über die Mediathek abgerufen werden.

Was macht den Ruf in die Christusnachfolge so einzigartig? Große Opfer, radikale Entscheidungen, unbedingte Hingabe? All dies gehört zwar zur christlichen Nachfolge dazu, macht sie aber nicht einzigartig. Schließlich haben zahllose andere Persönlichkeiten und Bewegungen Männer und Frauen aller Generationen zu solchen Handlungen inspiriert. Was die Christusnachfolge einzigartig macht, sind Christi Forderungen an seine Jünger, die durch menschliche Fähigkeit und Anstrengung unmöglich sind. Christus nachzufolgen ist eine geistliche Tätigkeit, die geistliche Kraft erfordert. Kurzum: Wir brauchen den Heiligen Geist.

Dietrich Bonhoeffers Nachfolge ist vielleicht das bekannteste Werk zum Thema und alles in allem ein herausragendes Buch. Bonhoeffer entblößt zu Recht die weitverbreitete Tendenz zur „billigen Gnade,“ die das moderne Christentum weitgehend prägt. Billige Gnade ist eine oberflächliche, untätige, selbstdienende Vorstellung von Gnade, die Jesus zwar in das eigene Herz einladen, sich aber nicht auf eine grundlegende Veränderung des eigenen Lebens einlassen will. Bonhoeffer stellt dem eine teure Gnade gegenüber, die sich in tätiger und entschlossener Nachfolge erweist.

„Ohne ein fundiertes Verständnis der Rolle des Geistes laufen wir Gefahr, unsere eigene Hingabe und Leistung zu stark zu betonen.“
 

So gewinnbringend dieses Buch auch sein mag, sagt es doch kaum etwas über unsere wichtigste Ressource für die Nachfolge: den Heiligen Geist. Ohne ein fundiertes Verständnis der Rolle des Geistes laufen wir Gefahr, unsere eigene Hingabe und Leistung zu stark zu betonen. Unser ständiges Grübeln, ob wir denn wirklich genug für Jesus tun, hat zwei mögliche Folgen. Erstens führt es zu Entmutigung und Verzweiflung: Wir werden niedergeschlagen und von Schuldgefühlen geplagt. Zweitens führt es zu unbändiger Aktivität: Missionseinsätze, Gemeindedienst, Bibellesepläne und so weiter. So weit, so gut. Aber wenn diese Aktivitäten nur von einem schlechten Gewissen oder spontaner Inspiration ausgehen, verfehlen sie das Ziel. Letztlich brennen wir aus, werden abgelenkt und enden wieder da, wo wir schon x-mal angefangen haben. Wir müssen den Blick von uns selbst und unserer Fähigkeit abwenden und uns stattdessen dem Werk des Geistes in und durch uns zuwenden. Weil Christi Befehle und Anweisungen geistlicher Natur sind, brauchen wir die Kraft seines Geistes.

Der Geist benutzt nicht einfach unsere eigenen Kräfte und Fähigkeiten. Er ist vielmehr die Quelle neuer geistlicher Handlungen in uns, die uns zum Gehorsam den Befehlen Christi gegenüber befähigt. Ein auf der Nachfolge gegründetes Leben besteht nicht einfach aus unseren eigenen guten Absichten. Wir müssen zuerst erkennen, wie unfähig wir aus uns selbst zu echter Nachfolge sind, und uns dann von der Gnade des Geistes abhängig machen. Das ist keine passive Nachfolge. Mehr als ein bloßes Warten auf die Hilfe des Heiligen Geistes, geht es um bewusste Abhängigkeit von seinem Werk durch uns. Die Betonung des Geistes für die Nachfolge soll nicht von Christus ablenken! Manche pochen so sehr auf ein vom Geist erfülltes Leben, dass Christus aus dem Zentrum gerät. Die Aktivität des Geistes ist immer eine christozentrische Aktivität. Der Geist stärkt uns in der Christusnachfolge, sodass unser Leben Christi Wahrheit, Liebe und Gnade widerspiegelt – und somit Gott verherrlicht.

Ich möchte im Folgenden drei für die Nachfolge zentrale Befehle Christi vorstellen und zeigen, wie wir diesen nur durch den Geist Gehorsam leisten können.

1. „Nimm dein Kreuz auf dich und folge mir nach“

In Matthäus 16,24, Markus 8,34 und Lukas 9,23 ruft Jesus seine Jünger auf, sich selbst zu verleugnen, das Kreuz auf sich zu nehmen und ihm nachzufolgen. Das vielleicht berühmteste Zitat aus Bonhoeffers Werk zur Nachfolge lautet: „Jeder Ruf Christi führt in den Tod.”[1] Doch was ist dieser Tod, von dem Christus hier spricht? Es geht nicht einfach um eine neue Lebensausrichtung. Christus ruft uns auf, geistlich mit ihm in seinem Tod vereinigt zu werden, sodass wir mit ihm vereinigt sein können in seinem Leben. In Römer 6,5–6 und 11 heißt es:

„Denn wenn wir mit ihm einsgemacht und ihm gleich geworden sind in seinem Tod, so werden wir ihm auch in der Auferstehung gleich sein; wir wissen ja dieses, dass unser alter Mensch mitgekreuzigt worden ist, damit der Leib der Sünde außer Wirksamkeit gesetzt sei, sodass wir der Sünde nicht mehr dienen … Also auch ihr: Haltet euch selbst dafür, dass ihr für die Sünde tot seid, aber für Gott lebt in Christus Jesus, unserem Herrn!“

Wenn wir mit Christus vereinigt sind, ist unser alter Mensch mit ihm gekreuzigt; und durch sein Auferstehungsleben gewinnen auch wir neues geistliches Leben.

Wie aber werden wir mit Christus in seinem Tod und Leben vereinigt? Hierfür brauchen wir den Geist. Er ist das Band, das uns mit Christus vereint. Die Erlösung ist ein trinitarisches Geschehen. Der Vater beschließt unsere Erlösung, der Sohn erkauft sie durch sein stellvertretendes Werk am Kreuz und der Geist eignet uns diese Erlösung an. Ohne den Heiligen Geist können wir an Christi Sterben und Leben nicht teilhaben (vgl. Röm 8,9b–11).

Unsere Vereinigung mit Christus durch den Geist geschieht auf zweifache Weise: Wiedergeburt und Heiligung. Um für Christus leben zu können, benötigen wir die erneuernde und lebensspendende Wiedergeburt durch den Geist. Dem Fleisch können wir erst absterben, wenn Christus in uns durch den Geist Wohnung nimmt. Genau das geschieht, nachdem wir neues Leben empfangen. Wir werden zu einer neuen Schöpfung. Was uns früher nicht möglich war, können wir nun durch dieses neue Leben tun, da wir ein neues Herz, neue Augen und ein neues Verlangen haben, Christus nachzufolgen. Doch das Werk des Geistes endet nicht mit der Wiedergeburt. Wer vom Geist wiederbelebt wird, wird von demselben Geist auch geheiligt und Christus gleichgestaltet. Das führt zu geistlicher Frucht:

„Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Selbstbeherrschung. Gegen solche Dinge gibt es kein Gesetz. Die aber Christus angehören, die haben das Fleisch gekreuzigt samt den Leidenschaften und Lüsten. Wenn wir im Geist leben, so lasst uns auch im Geist wandeln.“ (Gal 5,22–25)

In diesen Worten finden wir zwei Bezüge zu Christi Ruf in die Nachfolge. Erstens ist das Kreuztragen untrennbar mit dem Kreuzigen des Fleisches verbunden. Wir können nicht Christus und unserem Fleisch folgen. Zweitens ist Jesu Ruf in seine Nachfolge eng an das Wandeln durch den Geist geknüpft, von dem Paulus hier spricht. Um also Christus zu gehorchen und ihm nachzufolgen, benötigen wir die Wiedergeburt und Heiligung durch den Heiligen Geist.

2. „Bleibt in mir“

Johannes 14 und 16 liefern uns eine weitere bedeutende Anweisung für die Nachfolge: „Wenn jemand mich liebt, so wird er mein Wort befolgen“ (Joh 14,23). Jesus gibt diese Anweisung in einem Gespräch mit seinen Jüngern, in welchem er ihnen von seiner anstehenden Himmelfahrt berichtet. Man kann sich die Verwirrung der Jünger in dieser Situation vorstellen: Sie haben ihr Zuhause, ihre Familien, Freunde und ihre Arbeit verlassen, um Jesus nachzufolgen. Doch nun teilt er ihnen mit, dass er sie verlassen wird. Jesus weiß um ihre Trauer und Verwirrung und will sie trösten. Er sichert ihnen zu, dass sie im Halten seines Wortes stets eng mit ihm verbunden sein werden. Das ist nicht nur das Versprechen eines Philosophen, der seinen Anhängern einige Lebensweisheiten hinterlässt. Christus lebt noch immer und führt seine Jünger; durch seine Worte ist er in ständiger Gemeinschaft mit ihnen. Damit sie seine Worte halten, sendet er seinen Heiligen Geist (vgl. Joh 14,16–17).

Um Christus nachzufolgen, müssen wir also seine Worte halten; um seine Worte zu halten, brauchen wir aber seinen Geist! Der Geist unterweist uns in der Nachfolge auf zweierlei Weise. Erstens lesen wir in Johannes 16,12–14 (vgl. Joh 15,26):

„Noch vieles hätte ich euch zu sagen; aber ihr könnt es jetzt nicht ertragen. Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, so wird er euch in die ganze Wahrheit leiten; denn er wird nicht aus sich selbst reden, sondern was er hören wird, das wird er reden, und was zukünftig ist, wird er euch verkündigen. Er wird mich verherrlichen; denn von dem Meinen wird er nehmen und euch verkündigen.“

Dieser Abschnitt handelt hauptsächlich von der Inspiration der Apostel durch den Heiligen Geist, durch die sie das Neue Testament niederschreiben konnten. Gottes Geist lehrt uns heute vor allem durch Gottes inspiriertes Wort. Jeder kann mithilfe einiger Hilfsmittel lernen, was Gottes Wort sagt. Doch Jesu Jünger kennen ihren Herrn auf eine geistliche Weise, da der Geist sie erleuchtet, um Gottes Wort zu verstehen. Die Schrift ist nicht nur eine starre Ansammlung von Lehrsätzen, sondern die Stimme unseres Hirten, der uns in seine Nachfolge ruft. Doch der Geist lehrt uns nicht nur, sondern befähigt uns auch, Christus nachzufolgen. Das Kommen des Geistes für gerade diesen Zweck wurde schon vor langer Zeit vom Propheten Hesekiel vorausgesagt (vgl. Hes 36,26–27). Das Gesetz bietet uns keine Hilfe, um Gottes Gebote zu halten. Wir brauchen die Liebe zu Christus, die nur der Heilige Geist in uns wirken kann.

3. „Macht zu Jüngern“

In Matthäus 28,19–20 befiehlt Jesus seinen Jüngern: „Geht nun hin und macht alle Nationen zu Jüngern, und tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie alles zu bewahren, was ich euch geboten habe!“ Dieser Missionsbefehl hat zwei Dimensionen: Evangelisation und Jüngerschaft – und beide bedürfen der Kraft des Geistes.

Erstens brauchten die Jünger die Kraft des Geistes, um zu evangelisieren. In der Apostelgeschichte sehen wir, wie Christus den Heiligen Geist sandte (vgl. Apg 1,6–8). Die Jünger wollten wissen, wann Jesus das Reich Gottes errichten würde. Doch Jesus verweist sie auf ihre jetzige Aufgabe, nämlich „auf die Verheißung des Vaters zu warten“ (Apg 1,4). Die Erfüllung dieser Verheißung kommt in Kapitel 2. Der Geist erfüllte die Apostel mit Wunder wirkender Kraft, die ihrer Verkündigung göttliche Bestätigung gab. Auch heute rüstet der Geist uns für die Evangelisation zu. Da der Kanon der Schrift nun geschlossen ist, geschieht diese Zurüstung hauptsächlich in der Wortverkündigung, in der wir eine vollständige und genugsame göttliche Bezeugung von Christi Heilswerk besitzen. Indem der Geist durch das Wort wirkt, macht er das Evangelium wirksam zur Berufung neuer Jünger (vgl. Joh 16,8). Das gibt uns Grund zu großem Trost und echter Ermutigung. Nicht unsere Talente in der Weitergabe des Evangeliums zählen, sondern dass der Geist Gottes uns gebraucht und unsere Verkündigung nützlich macht. So können wir getrost die Sorge beiseitelegen, was andere wohl über uns denken und unseren Blick darauf richten, was die Hörer, durch die Kraft des Geistes, von Christus denken werden.

„Wenn wir uns wirklich von Gottes Geist abhängig machen, werden wir auch die Mittel priorisieren, durch die er uns zu echten Christusjüngern macht.“
 

Zweitens ist die Kraft des Geistes notwendig für echte Jüngerschaft. Evangelisation ist nur der erste Akt des Missionsbefehls. Die Taufe macht uns zum Teil der Gemeinde, in der wir aufgebaut und geheiligt werden (vgl. Eph 2,21–22). Echte Jüngerschaft erweist sich unter anderem in unserer Angliederung an Gottes Gemeinde. Jüngersein ist anti-individualistisch. Wir mögen bereit sein, unseren Job zu verlieren, unsere Heimat zu verlassen und Verfolgung zu erdulden, doch wenn wir nicht zum Anschluss an eine Gemeinde bereit sind, sollten wir unsere radikale Hingabe nochmal hinterfragen. Ohne von den primären Mitteln Gebrauch zu machen, die der Geist uns gegeben hat, können wir als Jünger nicht wachsen: die Predigt von Gottes Wort, das Gebet, die Sakramente (Taufe und Abendmahl) und die Gemeinschaft der Heiligen. Schließe dich daher einer Gemeinde an! Du brauchst jemanden, der im Glauben reifer ist und dich in der Jüngerschaft anleiten kann. Auch du solltest aktiv nach anderen Ausschau halten, die das Vorbild einer glaubensreiferen Person brauchen. Das kann verschiedene Formen annehmen, zum Beispiel ein regelmäßiges Treffen zum Gebet und dem gemeinsamen Lesen und Besprechen eines Buches.[2]

Wie aber können wir als Leiter in der Gemeinde feststellen, ob wir in unserem Dienst wirklich auf den Heiligen Geist vertrauen? Natürlich können wir nach innen schauen und fragen, wie es mit unserem Herzen aussieht. Aber wir sollten auch auf unsere Praxis schauen. Wenn wir uns wirklich von Gottes Geist abhängig machen, werden wir auch die Mittel priorisieren, durch die er uns zu echten Christusjüngern macht, anstatt auf menschengemachte Traditionen und die jeweils neuesten Trends zu vertrauen. Auch wenn unsere Motive dahinter fromm sein mögen, so verhindern diese Methoden doch echtes Wachstum. Wir sollten uns hier nicht vom letzten methodischen Schrei leiten lassen, sondern von den zeitlosen Methoden, die der Heilige Geist in allen Generationen zu Gottes Ehre wirksam macht: Wortverkündigung, Gebet und Sakramente.

Um Christi Befehlen zu folgen, brauchen wir seinen Geist. Nur wenn wir durch ihn leben und wandeln, können wir unser Kreuz auf uns nehmen, Christus nachfolgen, sein Wort halten und andere zu Jüngern machen.


[1] Dietrich Bonhoeffer, Nachfolge, in: Martin Kuske und Ilse Tödt (Hrsg.), Dietrich Bonhoeffer Werke, Bd. 4, Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus, 1989, S. 66.

[2] Ich empfehle jedem, zu diesem Thema den folgenden Band zu lesen: Mark Dever, Wachstum durch Jüngerschaft: Wie man anderen hilft, Jesus nachzufolgen, Augustdorf: Betanien, 2018.