Amos’ Botschaft von Gericht und Wiederherstellung

Artikel von Allan Harman
4. März 2025 — 4 Min Lesedauer

Über einige Propheten wissen wir nur sehr wenig, aber bei Amos ist das anders. Amos erzählt uns gleich zu Beginn seines Buches, dass er aus Tekoa stammt und sein Dienst an das Nordreich Israel gerichtet war. Er datiert seinen Dienstbeginn auf zwei Jahre vor dem Erdbeben, als Ussija König in Juda und Jerobeam König in Israel war (vgl. Am 1,1). Dies bedeutet, dass sein Buch um 760 v.Chr. einzuordnen ist (auch wenn wir keine Möglichkeit haben, das Erdbeben genau zu datieren). Es gibt drei besondere Dinge, die wir aus diesem Buch lernen sollten.

1. Ein Prophet musste von Gott berufen sein

Amos stammte nicht aus Israel, sondern aus dem Südreich Juda. „Geh heim in dein Land“, lautete die Botschaft von Amazja, dem Priester von Bethel, „verdiene dir dort dein Essen und arbeite als Prophet“ (vgl. Am 7,10–13). Bis Gott ihn beauftragte, mit seiner Botschaft in das Nordreich Israel zu gehen, war Amos ein Bauer.

Ein Prophet zu sein, war also weder eine Frage der Herkunft, noch bedurfte es die Zugehörigkeit zu einem bestimmten religiösen Orden. Vielmehr hing es von der souveränen Berufung Gottes ab, als sein Sprachrohr zu dienen. Die Propheten wurden von Gott je nach den Erfordernissen der Zeit eingesetzt, und ihnen wurden Worte gegeben, um zu ihren Zuhörern zu sprechen. Bevor Gott handelte, wurden göttlich ausgewählte Boten mit seinem Wort betraut. Der geheime Ratschluss des Herrn wurde durch seine Diener – die Propheten – mitgeteilt.

2. Die Rolle der Propheten war mit dem Bund verknüpft, den Gott mit Israel geschlossen hatte

Die Rolle des Propheten bestand darin, zwischen Gott und seinem Bundesvolk zu vermitteln, indem er Gottes Wort verkündete und zum Gehorsam gegenüber seinen Forderungen aufrief. Sie waren Hüter des Reiches und darum bemüht, Könige und andere Führer vor Gott für ihr Handeln zur Rechenschaft zu ziehen. Sie können als vollstreckende Vermittler des Bundes betrachtet werden, die sich der Aufrechterhaltung des besonderen Bandes widmen, das Gott mit seinem Volk geknüpft hat.

Der Bund hatte die Kinder Israels in eine einzigartig privilegierte Beziehung gebracht. Die ersten Botschaften im Buch Amos richten sich an die verschiedenen Völker, die Israel umgeben (Syrien, Gaza, Tyrus, Edom, Ammon, Moab und Juda; vgl. Am 1,1–2,16). Als sich der Prophet schließlich an Israel wendet, überbringt er dem sündigen Volk die Botschaft des Herrn: „Nur euch habe ich ersehen von allen Geschlechtern der Erde“ (Am 3,2). Der hebräische Text macht hier eine nachdrückliche Aussage über die exklusive Beziehung zwischen Gott und seinem Volk: „Nur euch“. Israel wurde auserwählt, nicht wegen außerordentlicher Größe oder Fähigkeiten, sondern einfach, weil Gott es liebte (vgl. 5Mose 7,7).

Aber die einzigartige Beziehung brachte auch eine einzigartige Verantwortung mit sich. Sie mussten erkennen, dass ihr privilegierter Status auch die Übernahme dieser Verantwortung verlangte. Es würde nie einen automatischen Segen für Israel geben. Vielmehr stand das Volk in der Gefahr eines göttlichen Gerichts und konnte die Strafe für seine Missetaten nicht abwenden (vgl. Am 3,2). Der biblische Grundsatz lautet, dass das Gericht in der Familie Gottes beginnt (vgl. 1Petr 4,17). Amos lehrt uns, dass das Privileg des Bundes nicht von der Forderung des Gehorsams gegenüber Gottes Geboten getrennt werden kann.

3. Die eschatologische Perspektive des Amos hat mehrere Facetten

Fast immer hatten die Propheten eine Botschaft, die sich auf die Zukunft auswirkte. Das Volk stellte sich den kommenden Tag des Herrn als einen Tag der Helligkeit und des Lichts vor und erkannte nicht, dass er „Finsternis ... und nicht Licht, Dunkelheit und nicht Glanz“ sein würde (Am 5,20). Sie mussten lernen, dass fröhliche Feste und Opfergaben einen beleidigten Gott nicht besänftigen konnten. Ihre Sünden, einschließlich der des Götzendienstes, würden schließlich zu ihrer Verbannung jenseits von Damaskus führen (vgl. Am 5,26–27). Die Verbannung Israels aus dem verheißenen Land würde ein weiterer souveräner Akt Gottes sein („Und ich will euch ... wegführen“ (Am 5,27)).

Aber es gab noch zwei andere Facetten der Eschatologie, die ein viel positiveres Bild zeichnen. Die erste betrifft den Abschnitt über die „zerfallene Hütte Davids“ (Am 9,11). Die davidische Familie nahm einen wichtigen Platz in der Geschichte Israels und Judas ein. Sie wird als im baufälligen Zustand dargestellt, der schließlich durch die Wiederherstellung verändert wird und zur Eingliederung von Nichtjuden führt. Die Art und Weise, wie Jakobus diesen Abschnitt auf dem Konzil in Jerusalem verwendete, unterstützt diese Auslegung (vgl. Apg 15,16–17). Die Aufnahme von Nichtjuden in die neutestamentliche Kirche war die Erfüllung von Gottes Absicht, die er durch den Dienst des Amos dargelegt hatte.

Das letzte Element der Hoffnung ist, dass Gott sein Volk in ein neues Eden pflanzen wird. Es ist bezeichnend, dass Gott die Israeliten trotz ihrer Sünde nicht verstoßen hat. Er wird die Geschicke seines Volkes wiederherstellen, was höchstwahrscheinlich ein eschatologisches Ereignis ist, wenn das zerstreute Volk Gottes in seinem ewigen Reich versammelt wird. Die letzten Worte der Prophezeiung sind praktisch eine erneute Bekräftigung des Bundesverhältnisses, denn der Herr des Bundes (man beachte die Verwendung des Bundesnamens Gottes JHWH) bleibt ihr Gott, und er wird seinen Willen für sie erfüllen (vgl. Am 9,11–15).