Eine ungewöhnliche „Reformations-Gemeindegründung“
Als sich vor vier Jahren einige Geschwister in einem österreichischen Bergtal trafen, um über die Möglichkeit einer Gemeindegründung zu sprechen, war ihnen bewusst, dass das kein leichtes Unterfangen sein würde. Doch wie ungewöhnlich diese Gründung werden sollte, hätte wohl niemand gedacht. Im Rückblick bezeichnete einer der Gründer diesen Prozess als eine „Reformations-Gemeindegründung“. Was bedeutet das? Und welche Lektionen lassen sich daraus ziehen? Ich möchte dazu kurz von den ersten Jahren unserer Gemeindegründung erzählen und zeigen, was wir daraus gelernt haben.
Es tut sich einiges in unserem Bergtal. Seit über drei Jahren feiert die Christus Gemeinde Dachstein-Tauern regelmäßig Gottesdienste. Kleingruppen entstehen und Jüngerschaft untereinander beginnt zu wachsen. Mitglieder bringen sich von Herzen aufopfernd ein. Älteste wurden eingesetzt, von denen einer (ich) seit knapp zwei Jahren für die Gemeindearbeit angestellt ist. Die nächste Taufe steht bald an und dieses Jahr sollen auch Diakone aus unserer Mitte berufen werden.
So manches hat sich etabliert, doch vieles ist noch in Bewegung – und das ist auch gut so. Eine Gemeinde ist schließlich nie „fertig“, wenn wir an das Prinzip semper reformanda denken. Denn die regelmäßige treue Auslegung von Gottes Wort bringt stetig Früchte hervor und wird – so ist es unser Gebet – auch unsere Gemeinde kontinuierlich zu Gottes Ehre reformieren. Und trotzdem erscheint mir dies als geeigneter Zeitpunkt in der Entwicklung unserer Gemeinde, um im Rückblick auf die vergangenen Jahre einige Lektionen aus unserer Gemeindegründung zu ziehen.
Warum „ungewöhnlich“? Warum „Reformations-Gemeindegründung“?
Doch was machte unsere Gründung „ungewöhnlich“? Und was meinen wir mit dem Begriff „Reformations-Gemeindegründung“?
Für gewöhnlich folgen Gemeindegründungen diesem Plan: Identifiziere einen Ort mit einer bestimmten Not, erträume eine Vision für die Menschen vor Ort, sammle ein Team, das diese Vision teilt, und sieh, wie der Herr (so er will!) stetig Wachstum schenkt. Ich bin in verschiedenen Gemeindegründungen im deutsch- und englischsprachigen Raum involviert gewesen, die alle diesem Schema folgten. Doch unsere Gemeinde passt nicht so ganz in diesen Rahmen.
Wie begann also unsere Gemeinde? Der Ort musste nicht lange gesucht werden – es war dort, wo die Gründer aufgewachsen waren. Die Not war ebenso bewusst – wir möchten Menschen in unserer Heimat mit dem Evangelium erreichen und dadurch die ganze Region prägen.
Die Geschichte der Gemeinde
Unsere Gegend ist eine der wenigen in Österreich, in der es noch ein starkes protestantisches Erbe gibt, das die Gegenreformation überdauert hat. Die Einheimischen schätzen dieses Erbe der Reformation nach wie vor. Doch neben gläubigen Geschwistern gibt es auch viele, die den Glauben zwar aus Tradition hochhalten, aber persönlich nicht praktizieren. Dazu ist die Region dank der schönen Bergwelt stark touristisch geprägt, was bedeutet, dass jeden Sommer und Winter Tausende Saisonarbeiter und Gäste unsere Orte bereichern. Dies alles ergibt eine Mischung aus vielen Menschen, die mit dem Evangelium auf verschiedene Weise in Berührung kommen, aber nur wenige, die tatsächlich verbindlich zu einer Gemeinde gehören.
Mit der Motivation, Menschen zu Jüngern Jesu zu machen, brachten sich die Gemeindegründer zuerst in ihren bestehenden Gemeinden ein und wollten dort die Werte der Reformation betonen. Das oben erwähnte Prinzip semper reformanda war ihnen dabei ein Vorbild. Sie erkannten nämlich, dass sich ihre Gemeinden und insbesondere Landeskirchen von jenem Erbe entfernten. Die liberale Theologie brachte viele Kirchen zu Entscheidungen, die sie vom Fundament der Schrift wegführten, wie es zur Zeit der Reformation betont wurde. Dieses sollte erneut im Vordergrund stehen, damit das Evangelium klar verkündet und gelebt wird. Reformation als Prozess sollte schließlich die Wurzeln nicht verlassen; die Hauptsache soll die Hauptsache bleiben.
Rund um diesen Wunsch nach klarer Verkündigung des Evangeliums, im Gottesdienst am Sonntag sowie im Alltagsleben der Gläubigen, und die starke Betonung von Zugehörigkeit zu einer Gemeinde, die Gott ehrt, traf sich schließlich ein Team zum regelmäßigen Gebet und Austausch. Doch zu groß waren die Differenzen mit den bestehenden Gemeinden und der Landeskirche, zu unterschiedlich ihre Vorstellungen von Gemeinde. So wurde der schwierige Entschluss getroffen, einen Neustart zu wagen.
Im Sommer 2021 fiel schließlich der erste Gottesdienst dieser neuen Gemeinde auf reifen Boden. Über hundert Leute beobachteten neugierig, was es mit dieser Gründung auf sich hatte. Viele feierten von nun an regelmäßig miteinander Gottesdienst. Es bildete sich schnell eine Kerngruppe, die sich zu dem entwickelte, was unsere Gemeinde nun ausmacht.
Mit dieser kurzen Geschichte unserer Gemeinde im Hinterkopf möchte ich erneut die Frage stellen: „Was machte diese Gründung so ungewöhnlich?“
Ungewöhnliche Umstände
Ich denke, dass wir an zwei Punkten vom „normalen“ Plan einer Gemeindegründung abwichen: Erstens, dass sich zu Beginn Geschwister aus verschiedenen Hintergründen fanden, die nicht von einer einzigen Gemeinde ausgesandt wurden. Der Wunsch nach Reformation brachte sie zu diesem Schritt. Auch viele, die aus Gewissensgründen ihre bisherigen Gemeinden verlassen mussten, fanden nun dort eine Heimat. Daraus ergibt sich der zweite Grund, dass nämlich die Gemeinde nicht langsam an Mitgliedern wuchs, sondern von Anfang an viele Menschen regelmäßig Gottesdienst feierten. Dadurch musste und muss die Gemeinde auch jetzt vor allem zueinander und in Einheit wachsen.
Ich möchte hier nicht falsch verstanden werden und den Eindruck erwecken, dass unsere Umstände absolut einzigartig oder besonders „gesegnet“ waren. Vieles wäre sicher einfacher gewesen, wenn die Gründer von Beginn an aus einer einzigen Gemeinde mit einem klaren Plan ausgesandt worden wären. Oder wenn sie als kleine Gruppe langsam zusammen in Einheit und dann in Anzahl gewachsen wären. Doch so kam es nicht. Und durch Gottes Gnade lernten wir daraus, wie ich im Folgenden zeigen möchte.
Lektionen aus drei Jahren Gemeindegründung
Vielleicht hast du meinen Bericht über unsere Gründung gelesen und bist skeptisch. Das kann ich gut verstehen! Denn mir ging es ehrlich gesagt ähnlich, als ich zuerst von dieser neuen Gemeinde hörte, an der ich nicht von Anfang an beteiligt war. „Wie soll eine Gruppe aus verschiedenen Gemeindehintergründen ganz ohne Unterstützung von anderen dieses Unterfangen angehen?“, fragte ich mich. „Kann daraus überhaupt eine gesunde Gemeinde entstehen?“ Andere gingen damals noch einen Schritt weiter zurück und fragten: „Braucht es überhaupt eine neue Gemeinde hier?“
Es braucht neue Gemeinden
Ich möchte zuerst die letzte Frage aufgreifen: Ja, es braucht neue Gemeinden – Gemeindegründung gehört zum Missionsbefehl.[1] Und ja, es braucht auch unsere Gemeinde hier. Denn auch an Orten, wo es bereits andere Versammlungen von Christen gibt, können Gründungen nötig sein. Mir ist allerdings wichtig, die Not hier zu betonen. Die Entscheidung zur Gemeindegründung war nicht willkürlich, es ging nicht um Fragen wie den Musikstil im Gottesdienst oder die Farbe des Teppichs im Eingangsbereich. Es wurde keine Gemeinde wegen individueller Präferenzen gegründet, sondern weil es keine andere Option mehr gab.
Mit Gegenwind ist zu rechnen
An diesem Punkt ist es auch verständlich, wenn es zu Verletzungen kommt, denn Gründungen werden oft indirekt als Kritik an den bestehenden Gemeinden verstanden. Manche dort nahmen die Not nicht so wahr, bezeichneten unsere Gründe als nicht ausreichend oder sahen es gar als Schritt in die falsche Richtung. So wurde auch unsere Gemeinde von anderen als „Rückschritt“ bezeichnet, was schmerzte, wir aber im Sinne einer „Rückkehr“ zu den Grundlagen des Evangeliums für uns akzeptieren konnten. Dies zeigt auch, dass eine Gemeindegründung nie in einem geistlichen Vakuum entsteht und anhaltender Gegenwind oder Druck von außen nicht überraschen sollten.
Vernetzen und treu dienen
Doch gerade hier erlebten wir Ermutigung und Bestätigung durch andere Christen. Es war kein Alleingang, sondern wir haben das Privileg, mit anderen vernetzt zu sein. Wir sind sehr dankbar, dass wir von Anfang an auf den Rat von verschiedenen Gemeinden und Mentoren bauen durften, besonders aus dem E21-Netzwerk. Und obwohl viele sagten, sie hätten noch nie von so einer Art der Gründung gehört, waren sie bereit, uns zu helfen. So mussten wir schwierige Themen nicht allein klären oder das Rad neu erfinden. Der Austausch mit anderen hilft uns auch, die Prioritäten nicht aus dem Auge zu verlieren. Denn der Alltag einer Gemeindegründung kann viel Unsicherheit mit sich bringen. Gerade in unserem Fall, wo von Beginn an viele Menschen bunt zusammengewürfelt wurden, trafen auch viele Erwartungen und Bedürfnisse aufeinander. Die Versuchung war groß, es jedem recht machen zu wollen und sich gleich zu Beginn in Details zu verstricken. Daher war es zum Beispiel hilfreich, als uns ein befreundeter Pastor mit den Worten von Paulus gemäß Titus 1,5 ermutigte und zugleich ermahnte: „Schafft Ordnung und setzt Älteste ein!“ und wir seinem Rat prompt folgten.
Solltest du selbst über Gemeindegründung nachdenken, so möchte ich dir daher nahelegen, den Segen der Vernetzung nicht zu vernachlässigen. Ja, du hast vielleicht eine besondere Vision und Begabung. Aber du bist ziemlich sicher nicht als Einzelkämpfer berufen. Unterschätze nicht den Segen durch ein Team und Partnerschaften mit anderen Gemeinden im Evangelium.
Wenn du in einer bestehenden Gemeinde bist und den Wunsch nach Veränderung hegst, so möchte ich dich ermutigen, dort treu zu dienen und von anderen zu lernen. Eine Gemeindegründung sollte aus dem positiven Wunsch heraus entstehen, Menschen an einem Ort zu Jüngern Jesu zu machen. Wenn das dein Wunsch ist, dann sprich mit deinen Ältesten. Hoffentlich teilen sie den Wunsch und beten bereits dafür. Doch persönliche Präferenzen sind kein Grund, eine Gemeinde zu gründen – sie sind ein Anlass, sich anderen unterzuordnen. Erst wenn klar ist, dass in einer ungesunden Gemeinde keine Reformation oder Veränderung möglich ist, sollte eine „Reformationsgründung“ überlegt werden. Und auch dann muss dieser Schritt gut überlegt und mit anderen abgesprochen werden. Denn ohne unsere Vernetzung wäre es nicht möglich gewesen, die Gemeinde zu gründen.
Viel Zeit für Beziehungsarbeit
Der andere Faktor, der unsere Gemeindegründung außergewöhnlich macht, ist die Größe der Gruppe – wir waren von Anfang an eine (für unsere Verhältnisse) große Gruppe. Vielleicht hast du beim Lesen meines Berichts den Eindruck bekommen, als hätten wir dies negativ gesehen. Ganz im Gegenteil! Wir sind Gott sehr dankbar, dass wir seit Beginn reich mit vielen Geschwistern gesegnet sind. Die meisten Gemeindegründer würden sich wahrscheinlich wünschen, jeden Sonntag in einem vollen Kinosaal (dort sind wir in Schladming eingemietet) zu feiern. Wir nahmen dies dankbar als Bestätigung unseres Herrn an. Er hat den Boden für unsere Gemeinde bereitet und so freuen wir uns, dass wir zahlreich zusammenkommen.
Natürlich ergeben sich daraus auch Herausforderungen. Wir müssen zum Beispiel lernen, Einzelne besser wahrzunehmen. Denn in der Urlaubszeit feiern auch viele Gäste und Saisonarbeiter mit uns Gottesdienst. Ich schätze es als Privileg, fast jeden Sonntag neue Leute kennenzulernen, die in unserer Region ihren Urlaub verbringen und sich Zeit für eine Gottesdienstfeier mit uns nehmen. Es ist allerdings daher auch oft schwierig, einheimische Besucher wahrzunehmen, die nur mal aus Interesse eine Veranstaltung besuchen und sich gern ein Gespräch wünschen.
Es ist uns auch ein Anliegen, viel Zeit in Beziehungsarbeit und Jüngerschaft zu stecken. Denn es dauert, bis eine Gemeinde lernt, als Geschwister zu leben. Dies geschieht anders in einer kleinen Gruppe, die viel schneller eng zusammenwachsen kann und dann langsam in Anzahl wächst. Es braucht Hirten, die sich einerseits viel Zeit für die Herde nehmen können und andererseits strategisch denken, indem sie andere dazu ausbilden. Neben dem Anliegen, unsere Mitglieder regelmäßig zu besuchen, investieren die Ältesten daher einen großen Teil in Jüngerschaft mit Einzelpersonen, mit dem Ziel, dass diese das Gelernte an andere weitergeben und wir als Gemeindefamilie fest verbunden werden.
Klar kommunizieren
Auch die regelmäßige Kommunikation von Zielen und die Erinnerung an unsere Vision ist von großer Bedeutung – ein Punkt, den wir zugegebenermaßen zwar oft betonen, aber erst langsam so richtig begreifen und in die Tat umsetzen. So kamen anfangs auch Menschen in unsere Gemeinde, die fragliche Motive hatten und mit ihren Sonderlehren versuchten, andere zu überzeugen. Hier wäre eine klarere Kommunikation, wofür wir stehen und wer wir sind, von Anfang an wichtig gewesen.
Im Sinne der Reformation predigen wir daher fortlaufend durch die Bibel und gehen offene Themen Schritt für Schritt mit Gottes Wort an. Wir predigen Vers für Vers, Kapitel für Kapitel, und besprechen die Themen, die dort aufkommen. Unsere Schwerpunkte legten wir daher zuerst auf das Johannesevangelium, um Jesus und seinen Auftrag zu verstehen; dann auf das Buch Josua, um Gottes Volk und seine Bundestreue zu begreifen; und schließlich den Epheserbrief, um diese beiden Schwerpunkte zu vereinen. So erleben wir, dass der Herr seine Gemeinde durch Wort und Geist führt. All dies ist begleitet von viel Gebet, Glaube und Geduld.
An den Grundlagen festhalten
Abschließend möchte ich bemerken, dass die Umstände unserer Gründung vielleicht außergewöhnlich waren, aber die Berufung dazu keine besondere ist. Wir verwenden schließlich Methoden, die in jeder gesunden Gemeinde zu finden sind. Und dies sollte uns nicht überraschen, denn die ungewöhnlichste Gemeindegründung fand vor knapp 2.000 Jahren zu Pfingsten in Jerusalem statt. Ja, es war damals keine Neugründung. Doch dort hörten ebenso die unterschiedlichsten Menschen das Evangelium und ließen sich taufen. Die gute Nachricht verbreitete sich über Jerusalem und Samaria bis an die Enden der Welt. So entstehen bis zum heutigen Tag Gemeinden bis in unser Bergtal, wo wir dankbar nicht nur auf die Reformation zurückblicken dürfen, sondern noch weiter: Denn viele Jahre davor gab der Herr Jesus Christus uns einen Auftrag, Menschen zu seinen Jüngern zu machen, indem wir sie taufen und lehren, was er gebietet. Und gerade eine ungewöhnliche Gemeindegründung, eine „Reformationsgemeinde“, zeigt, wie wichtig es ist, an den Grundlagen festzuhalten.
1 Vgl. die Auswahl an Artikeln zum Thema Gemeindegründung in der Mediathek von E21.